Helene Schweitzer Bresslau, eine Pionierin der Sozialarbeit

von Dr. med. Verena Mühlstein, Gräfelfing

Albert Schweitzer wurde durch sein Leben und sein Werk weltberühmt; hingegen ist nur wenigen bekannt, dass seine Frau Helene Bresslau zu den Pionierinnen der Sozialarbeit gehörte. Bevor sie 1912 Albert Schweitzer heiratete und mit ihm das Urwaldspital in Lambarene gründete, hatte sie viele Jahre als Waiseninspektorin der Stadt Strassburg gearbeitet und unter anderem entscheidend dazu beigetragen, die hohe Sterblichkeit unter den unehelichen Kleinkindern zu senken.

Helene Bresslau wurde am 25. Januar 1879 als zweites Kind des Historikers Harry Bresslau und seiner Frau Caroline Isay in Berlin geboren. Seit ihrem elften Lebensjahr lebte sie in Strassburg, wo ihr Vater Ordinarius für Mittelalterliche Geschichte war. Nach Abschluss der Schule besuchte sie das Lehrerinnenseminar, damals die einzige Form der höheren Bildung für Mädchen. Mit einer Sondererlaubnis konnte das begabte junge Mädchen schon mit 17 Jahren die Prüfung als Lehrerin für Höhere Mädchenschulen ablegen und studierte anschliessend am Strassburger Konservatorium Klavier, Gesang und Musiktheorie. Nach einem sechsmonatigen Italienaufenthalt mit ihren Eltern begann sie im Frühjahr 1900 mit dem Studium der Kunstgeschichte und Geschichte. Sie gehörte zu den ersten Studentinnen in Deutschland und besuchte fünf Semester die Vorlesungen und Kollegien an der Universität Strassburg.

Obwohl ihr das Studium Freude machte, befriedigte sie das Leben als Studentin nicht. Schon sehr früh war sie sich ihrer Verantwortung für die sozial Schwächeren bewusst geworden und als Schülerin hatte sie sich im "Confirmandinnen-Verein für Armenpflege und innere Mission" engagiert. Genau wie Albert Schweitzer verstand sie ihre glückliche Kindheit und Jugend als Verpflichtung dazu, nicht nur ihren eigenen Interessen zu leben, sondern benachteiligten Menschen zu helfen. Als Kind jüdischer Eltern hatte sie erlebt, wie mühsam sich ihre Eltern die erreichten Privilegien erkämpft hatten. Immer spürte sie die Brüchigkeit dieses Glücks und nie wurde es ihr zur Selbstverständlichkeit.

Im Herbst ging sie für ein halbes Jahr nach England, wo sie als Lehrerin und Erzieherin arbeitete und gemeinsam mit einer russischen Freundin Erzählungen von Tschechov und Gorki ins Deutsche übersetzte. Daneben interessierte sie sich sehr für die Arbeit des englischen Arztes und Sozialreformers Thomas John Barnardos, der als "Vater der Niemandskinder" für Strassenkinder, heimatlose und behinderte Jugendliche Heime, Schulen und Krankenhäuser eingerichtet hatte. Für den elsässischen Kirchenboten übersetzte Helene Bresslau die autobiographische Schrift von Dr. Bamardos "Mein erster Arb oder wie ich mein Lebenswerk begann". Zurück in Strassburg wurde sie von dem damaligen Leiter des Strassburger Armenwesens und späteren Bürgermeister Rudolf Schwander zur ehrenamtlichen Waisenpflegerin ernannt. Als eine der ersten Städte berief Strassburg auch Frauen als ehrenamtliche Armenpflegerinnen. Die elsässische Hauptstadt hatte damals mit 42,3 % eine der höchsten Säuglingssterblichkeitsraten bei den unehelich geborenen Kindern unter allen deutschen Städten. Mit beruflichen Waisenpflegerinnen wollte Schwander diesen Missstand bekämpfen. Diese Aufgabe reizte Helene Bresslau sehr.

Da es noch keine Ausbildung zur Sozialarbeiterin gab, absolvierte sie im Jahre 1904 einen dreimonatigen Krankenpflegekurs in Stettin und wurde im April 1905 als hauptamtliche Waiseninspektorin im Gemeindewaisenamt ihrer Heimatstadt angestellt.

Gemeinsam mit anfangs einer, später zwei weiteren Kolleginnen war sie verantwortlich für die Betreuung von 1.200 Waisen und Halbwaisen unter zwei Jahren. Zumeist handelte es sich um uneheliche Kinder, die alle unter Vormundschaft standen. Da die hohe Säuglingssterblichkeit vor allem auf die Unwissenheit der Mütter und Pflegemütter zurückging, war es Helene Schweitzers Hauptaufgabe, die Mütter über moderne Säuglingspflege und Kindererziehung aufzuklären. Sie assistierte dem Gemeindewaisenarzt, der die Kleinkinder in regelmässigen Abständen unentgeltlich untersuchte, besuchte die Kinder in den Familien und sorgte dafür, dass sie gut betreut wurden. Bis zu achttausend Hausbesuche mussten die Waiseninspektorinnen jährlich durchführen; eine Aufgabe, die viel Sensibilität und diplomatisches Geschick erforderte, denn oft genug wurde der Besuch der Waiseninspektorin von den Betroffenen eher als lästige Einmischung denn als hilfreiche Unterstützung empfunden. Innerhalb kurzer Zeit gelang es Helene Bresslau, das Vertrauen der von ihr betreuten Familien zu gewinnen, und Schwander lobte ihren "feinen Takt" und "ihre hohe Intelligenz" bei der Betreuung der Kinder. Auch in der Fortbildung der ehrenamtlichen Armenpfleger und Armenpflegerinnen engagierte sich Helene Bresslau. Regelmässig hielt sie Vorträge über spezielle Probleme bei der Betreuung der bevormundeten Kinder oder ganz allgemein über die Organisation des Armenwesen in Deutschland.

Das grösste Projekt, das sie in diesen Jahren verwirklichte, war die Gründung eines Mütterheims. Immer wieder hatten sich junge Mädchen, die nach der Entbindung mit ihrem Baby mittellos auf der Strasse standen, um Hilfe an sie gewandt. In einem Mütterheim sollten sie nun in den ersten Monaten nach der Entbindung eine Unterkunft finden. Gemeinsam mit ihrer Freundin Helene Dominicus gründete Helene Bresslau den Verein Mütterheim. Sie setzten sich damit über alle Konventionen hinweg und begründeten es mit der sozialen Verpflichtung, "sich der jungen Mütter anzunehmen und ihnen in der Ermöglichung längeren Zusammenseins mit ihrem Kinde den sittlichen Halt der erwachenden und erstarkenden Mutterliebe zu geben". Dies waren sehr moderne Vorstellungen, von denen man damals noch nicht allzu viel hielt. Trotzdem gelang es Helene Bresslau, innerhalb weniger Monate 15.000 Mark zu sammeln, und im November 1907 wurde das Mütterheim im Strassburger Vorort Neudorf eröffnet. Unabhängig von Konfession oder Staatsangehörigkeit fanden dort alle bedürftigen Frauen Aufnahme.

In den vier Jahren, die Helene Bresslau im Waisenamt tätig war, entwickelte sich das "Strassburger Armenpflegesystem" zum fortschrittlichsten Sozialsystem in Deutschland, und Helene Bresslau hatte massgeblichen Anteil daran, dass 1909 die Säuglingssterblichkeit der unehelichen Kinder nicht mehr höher als der ehelichen war.

In diesen Jahren korrigierte sie, neben ihrer aufreibenden Berufstätigkeit, die wissenschaftlichen Werke Albert Schweitzers, mit dem sie seit 1902 eine tiefe Freundschaft verband. Wie der Briefwechsel der beiden belegt, war sie ihm in all diesen Jahren eine seelische Stütze und hat seine Entwicklung stark mit beeinflusst. In Hinblick auf ihre künftige gemeinsame Arbeit in Afrika kündigte sie im Sommer 1909 ihre Stelle als Waiseninspektorin und machte in Frankfurt am Main eine Ausbildung zur diplomierten Krankenschwester. An der Seite ihres Mannes, den sie über alles liebte, erlebte sie die ersten Jahre in Lambarene als die glücklichste Zeit ihres Lebens. Es war ihr tragisches Schicksal, dass ihre angegriffene Gesundheit es ihr später nicht mehr erlaubte, so an seiner Arbeit in Afrika teilzunehmen, wie sie es sich gewünscht hatte. Als unermüdliche Werberin und Spendensammlerin für das Urwaldspital unterstützte sie aber Albert Schweitzer bis zu ihrem Tode im Jahr 1957.