Lieber Richard
Schon in deiner Studienzeit warst du vom Werk Albert Schweitzers beeindruckt. Vor allem seine liberale Haltung in Glaubensfragen, aber auch seine umfassende Persönlichkeit haben dich überzeugt.
Du hast dich in sein Werk eingearbeitet und in deiner Kirchgemeinde immer wieder für Lambarene und
Schweitzers "Ehrfurcht vor dem Leben" geworben.
So ist es
nicht verwunderlich, dass du in den Schweizer Hilfsverein für das Albert-Schweitzer-Spital in Lambarene eingetreten bist. Schon bald hast du das Präsidium übernommen und während zwölf Jahren dessen Geschicke geleitet. Als Präsident oblag es dir auch, die Berichte aus Lambarene, das Kommunikationsmittel des Vereins, zu gestalten.
Deine Überzeugungskraft ist gross. Es gelingt dir, Freunde und Bekannte von deine Ideen und Ansichten zu überzeugen und sie in dein Werk einzuspannen. Du hast die Sektion Thun gegründet, die sich um dich und deine Mitarbeiter zu einem grossartigen Standbein des Spitals, aber auch von Günsbach entwickelt hat.
Dein Interesse für das Werk Schweitzers führte dazu, dass du der AISL, der Association International de
l'oeuvre du Docteur Schweitzer de Lambaréné, d.h. dem Dachverband der weltweiten Hilfsvereine beigetreten bist. Auch in der Kommission für das geistige Werk warst du tätig und hast beide Vereine als Präsident geleitet und vor drei Jahren zusammengeführt.
In den Sitzungen bist du der ruhende Pol, eine Vertrauensperson. Du wirkst ausgleichend, kannst zuhören, stoisch, gelassen, manchmal fast zu gelassen!
Selten sieht man dich ärgerlich. Richtig, man kann hinter deiner dunklen Brille deine Augen nicht sehen.
Du kannst, wenn du willst, deine Gedanken, deinen Ärger, aber auch deine Freude für dich behalten.
Es gelingt dir, die verschiedenen Anliegen zusammenzufassen und zu einer, für alle guten Lösung zu kommen. Du hast die Gabe, die unterschiedlichen Charakteren der Mitglieder aus der ganzen Welt hinter einem Ziel: dem Werke Schweitzers, zu einen.
Als Präsident des Schweizer Hilfsvereins und später wieder der AISL bist du Mitglied im Stiftungsrat des Spitals in Lambarene. So kamst du viele Male in den Gabun und kennst das Spital sehr gut.
Du hast dich immer für den Erhalt und den Ausbau eingesetzt In schweren Zeiten hast du dich den wahrheitswidrigen Gerüchten und Berichten entgegengestellt.
Es ist dir aber ein Bedürfnis, auch andere Leute nach Lambarene, dem lebendigen Beispiel "der Erfurcht vor dem Leben" zu führen. So hast du, gerade nach deiner Pensionierung, wieder Reisen ins Spital durchgeführt, und so viele weitere treue Freunde gewinnen können.
Du bist ein profunder Kenner der Werke Schweitzers. Seine Ethik der "Erfurcht vor dem Leben" ist dir so wichtig, dass du sie in unzähligen Vorträgen einem breiten Publikum dargelegt hast.
In vielen Zeitungsartikeln und Büchern über Schweitzer hast du in einfachen, für alle leicht verständlichen Worten sein Leben und seine Ethik beschrieben.
Dir zuzuhören ist ein Genuss. Dein Vortragsstil ist flüssig und mitreissend. Es gibt wenige Personen, die sich ihm entziehen können.
Du hast eine Gabe die Leute, vor allem aber deine Freunde für die Sache Schweitzers zu motivieren, dass es uns schwer fällt, dir nein zu sagen.
Besondere Freude bereitet dir das Zusammenstellen von Zitatenbänden. Neben einem Buch mit Bibel- und Lutherzitaten hast du selbstverständlich auch eines mit Schweitzerzitaten herausgegeben. Und das Material für ein bis zwei weitere Zitatenbände liegt bereit.
Besonders beliebt sind deine kleinen Zitatenbändchen, die du mit grosser Sorgfalt, aber auch viel Freude zusammengestellt hast. Stolz bist du auf die kürzlich erschienene französische und englische Übersetzung.
Besonders viel Energie steckst du in die Herausgabe der Nachlassbände. Mit ein paar andern hast du
in der Redaktionskommission mitgearbeitet, die sich, gestützt auf die Manuskripte Schweitzers, zum Ziele gesetzt hat, den Nachlass zu sichten und in neun Bänden zu veröffentlichen.
Dein ganz persönliches Werk, das daher auch ganz besonders deine Handschrift trägt, sind die Predigten.
Über fünf Jahren hast du daran gearbeitet, dich manchmal fast damit abgequält. Hast du gemeint, nun sei alles beisammen, hat man in irgend einem Nachlass oder im Archiv, am falschen Ort klassiert, wieder eine Predigt gefunden. Diese Arbeit half dir, deine Krankheit lange Zeit zu unterdrücken.
Jetzt ist das Buch fertig. Ein Band von fast 1400 Seiten. Du darfst stolz darauf sein! Und ich bin froh, dass du das Buch vor drei Wochen noch erhalten hast.
Dein besonderes Augenmerk gilt aber immer wieder Günsbach. Für dich ist Lambarene ohne Günsbach unvorstellbar. Hier hatte Schweitzer seine Wurzeln, hier ist sein Archiv und Museum und von hier aus muss man seine Ethik der "Ehrfurcht vor dem Leben" in die Welt hinaustragen.
Dein Bestreben ist, das Museum und das Archiv langfristig zu sichern. Mit unglaublichem Eifer hast du damit begonnen, eine Stiftung zu gründen und ein Grundkapital zusammenzutragen, das helfen soll, die Tätigkeiten in Günsbach für kommende Generationen zu erhalten.
Richard, du hast dein Lambarene gefunden!
Lieber Richard, ich habe mit dir gesprochen als wie du noch unter uns wärst.
Es fällt mir, es fällt uns allen sehr schwer, von dir Abschied nehmen zu müssen und zu realisieren, dass du nicht mehr unter uns bist.
Du hast uns mit deinem Elan, deiner Güte, deinem Geschick zuzuhören und uns immer wieder aus Neue zu überzeugen, sehr viel gegeben. Mit dir haben wir einen Freund, einen Förderer verloren, der uns sehr fehlen wird.
Richard, ich danke dir im Namen der weltweiten Schweitzer Familie für deinen unermüdlichen Einsatz. Wir werden uns alle bemühen, dein Werk, deinen Einsatz für Albert Schweitzer weiterführen.
Christoph Wyss, 21. März 2001