Hermann Mai

Am 10. März 2001 ist Prof. Dr. Hermann Mai im gesegneten Alter von 99 Jahren verstorben, die Beisetzung hat im engsten Familienkreis in Darmstadt stattgefunden. Ebenso bescheiden, wie er jahrzehntelang in unserer Mitte gearbeitet hat, ist er von uns gegangen.

Die Lambarene-Arbeit hat ihre überragende Persönlichkeit verloren und der Deutsche Hilfsverein seinen Ehrenvorsitzenden. Wir können gar nicht dankbar genug für all das sein, was Hermann Mai für uns und unsere Ziele getan hat. Als unser Verein ihm 1971 den Vorsitz übertrug, war er bereits ein ausgewiesener Lambarene-Kenner, denn seit 1956 hatte der Münsteraner Professor für Kinderheilkunde immer wieder in den Semesterferien als Arzt im Schweitzer-Spital mitgearbeitet. So waren schon etwa vier Jahre Lambarene-Praxis zusammengekommen.

Auch während seiner zehnjährigen Tätigkeit als Vereinsvorsitzender stellte sich Hermann Mai für die praktische Arbeit in Lambarene zur Verfügung: Von Januar bis Oktober 1976 verhalf er — mit 74 Jahren längst emeritiert - dem Schweitzer-Spital aus seiner tiefsten Krise, als Kinderarzt und zugleich als Leiter des in seiner Existenz gefährdeten Spitals, dabei unterstützt von seiner tatkräftig mitwirkenden Frau Hildegard. Ohne diesen Einsatz gäbe es das Spital heute wohl kaum noch, denn dieses hatte sich nach Schweitzers Tod am 4. September 1965 in immer turbulentere Schwierigkeiten verfangen. Im Frühjahr 1977 konnte Hermann Mai dann aber als DHV-Vorsitzender im 43. Rundbrief voller Freude feststellen, dass sich nach zwölf düsteren Jahren mit dem Tiefpunkt im Herbst 1975 eine gute und erfreuliche Zukunft des Spitals abzeichne und ein Neubau im Gange sei.

Das Jahrzehnt des Vorsitzes im Deutschen Hilfsverein stellte Hermann Mai also vor eine enorme Herausforderung, und er hat diese so überzeugend gemeistert, dass die Mitgliederversammlung ihm zum Ende seiner Amtszeit am 2. Mai 1981 den Ehrenvorsitz antrug. Er nahm diese Würdigung an, verbunden mit dem Versprechen, auch künftig an den anstehenden Aufgaben mitzuwirken. Wie nicht anders zu erwarten, hat Hermann Mai dieses Versprechen eingehalten, und ich kann für die Zeit meines Vorsitzes von 1988 bis 1997 nur in dankbarer Erinnerung von den vielen Dialogen, Ratschlägen und Rückenstärkungen sprechen, die der Ehrenvorsitzende mir gerade in schwierigen Phasen der Vereinsarbeit zukommen ließ. Das Ehepaar Mai nahm an fast allen unseren Vorstandssitzungen teil, und dafür schulden wir großen Dank.

Nun wird Hermann Mai nicht mehr unter uns sein, wie er es noch bei der Mitgliederversammlung am 13. Mai 2000 gewesen ist, doch seine orientierende Ausstrahlung verpflichtet uns: Klar, aufrecht und bescheiden war seine Haltung, von seinen akademischen Verdiensten und Auszeichnungen, seinem hohen Rang in der Fachwelt sprach er nie, dafür umso mehr von den Aufgaben, die wir zu lösen hatten. Er war keiner, den es in die erste Reihe drängte, um sich im Lichte Albert Schweitzers zu sonnen, sondern einer, der stets nach der konkreten Verantwortung gesucht hat. Und er konnte, wenn es die Sache erforderte, auch im hohen Alter noch vertraut gewordene Sichtweisen in Frage stellen, sofern dies seinem Hauptziel diente: der Zukunft des Schweitzer-Spitals.

"Kraft macht keinen Lärm. Sie ist da und wirkt", heißt es bei Schweitzer, und Hermann Mai hat dies mit seiner Person eindrucksvoll veranschaulicht. Wie bei Schweitzer war es das Motiv der praktischen Barmherzigkeit, der Nachfolge Jesu, das ihn bestimmte, doch darüber sprach er vor Publikum nicht, weil ihm alle plakative Selbstdarstellung zuwider war. Wir danken für die tiefen Spuren, die er in unserer Arbeit hinterlassen hat. Seiner lieben Frau, die nach 66 Ehejahren ihren Weg nun ohne ihn weitergehen muss, wünschen wir in alter Verbundenheit Mut, Kraft und familiäre Geborgenheit.

Claus Günzler